Der geheime Brief

Eine Deutsch als Fremdsprache Kurzgeschichte

Eltern! Manchmal verstehe ich sie einfach nicht. Gestern Abend beim Abendessen fängt Papa wieder an. Arzt. Muss Arzt werden. Genau wie er.

Ich schaue in mein Essen. Brokkoli. Grün und langweilig. Genau wie Papas Vorstellung von meiner Zukunft. Ich will Sterne angucken, ferne Welten entdecken, nicht den ganzen Tag in einem weißen Kittel Menschen untersuchen.

Mama lächelt und legt mir die Hand auf den Arm. “Du kannst doch beides machen, mein Schatz. Arzt sein und die Sterne angucken.”

Ich nicke langsam. Aber ich weiß, das stimmt nicht. Papa will einen Nachfolger. Jemanden, der die Praxis übernimmt.

Nach dem Essen gehe ich in mein Zimmer. Ich schließe die Tür ab und setze mich auf den Boden. Unter meinem Bett liegt eine alte Kiste. Ich zieh sie hervor und öffne sie vorsichtig.

Drinnen liegen lauter alte Sachen von Opa. Ein Kompass, ein verstaubtes Teleskop und ganz hinten – ein Brief. Das Papier ist gelb und bröcklig. Ich nehme ihn vorsichtig heraus.

Auf dem Umschlag steht in altmodischer Schrift: “An meinen Enkel”. Mein Herz schlägt schneller.

Ich setze mich auf mein Bett und löse vorsichtig das Siegel. Ich öffne den Brief und beginne zu lesen.

“Lieber Max,

vielleicht hältst du gerade diesen Brief in deinen Händen. Wenn ja, dann bist du jetzt schon groß. Die Welt da draußen wartet darauf, entdeckt zu werden. Lass dir von niemandem sagen, was du tun sollst. Folge deinen Träumen, wohin sie dich auch führen…”

Plötzlich höre ich Schritte auf dem Flur. Jemand bleibt vor meiner Tür stehen.

“Max? Bist du noch wach?”

Ich schaue auf den Brief in meiner Hand. Soll ich ihn verstecken?

Ist es Mama oder Papa?


Alle Personen und Ereignisse in diesem Werk sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen, lebenden oder verstorbenen Personen oder tatsächlichen Ereignissen sind rein zufällig.

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